In der Welt des Kunsthandwerks stehen kleine Formen oft im Schatten prachtvoller Tafelservices und monumentaler Vasen. Doch gerade Schmuckschatullen, Tabakdosen und Bonbonnieren zeigen die feinste und filigranste Seite des Porzellans. In ihnen offenbart sich die nahezu juwelierhafte Präzision der Künstler. Zugleich spiegelt ihre Geschichte in der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur die wechselnden Geschmäcker und künstlerischen Strömungen des ältesten Porzellanunternehmens Russlands wider.
Die Anfänge: Tabakdosen und elegante Accessoires des 18. Jahrhunderts
Dmitri Winogradow gründete 1744 die Neva-Porzellanmanufaktur. Seine Aufgabe bestand darin, luxuriöse Objekte zu schaffen, die dem Geschmack des Hofes von Kaiserin Elisabeth Petrowna entsprachen.
Im 18. Jahrhundert galten Tabakdosen und sogenannte Schönheitsdöschen (boîtes à mouches) als unverzichtbare Accessoires des Adels. Die Meister der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur erreichten deshalb ein beeindruckendes Niveau in der Reliefkunst und der Miniaturmalerei. Häufig wurden die Dosen in Form von Möpsen, Briefumschlägen oder Muscheln gestaltet. Dieser spielerische Ansatz passte perfekt zur leichten und fantasievollen Ästhetik des Rokoko.
- Künstlerische Besonderheit: Oft wurde die Innenseite des Deckels genauso aufwendig gestaltet wie die Außenseite. Dort verbargen sich allegorische Szenen oder kleine Porträts, die nur für die Augen des Besitzers bestimmt waren.
Das goldene Zeitalter des Klassizismus und des Empire-Stils
Unter Katharina II. und Alexander I. veränderte sich der Charakter der Schatullen deutlich. Der verspielte Rokoko-Stil machte einem strengen Klassizismus Platz. Viele Schatullen dieser Zeit erinnern an antike Sarkophage oder architektonische Elemente.
Im Empire-Stil wurde Repräsentation besonders wichtig. Die Meister fertigten größere und massivere Schatullen an und verwendeten reichlich Tsirovka – feine Gravuren auf Gold. Zu den beliebtesten Motiven gehörten:
- Ansichten von St. Petersburg und den kaiserlichen Residenzen im Umland;
- Kopien von Werken großer Meister wie Raffael oder Guido Reni;
- Kriegstrophäen und Lorbeerkränze.
Historismus und der „russische Stil“ des 19. Jahrhunderts
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs das Interesse an den nationalen Wurzeln. Schmuckschatullen begannen, die Formen altrussischer Truhen nachzuahmen. Darüber hinaus verwendeten die Dekorateure eine Maltechnik, die an Filigranarbeit erinnerte. Sie imitierte die Schönheit von Cloisonné-Email und ließ das Porzellan mit Gold und Edelsteinen konkurrieren.
Die Avantgarde und das „weiße Gold“ des 20. Jahrhunderts
Nach 1917 wurde die Manufaktur zur Staatlichen Porzellanfabrik. Die neue Führung dachte die Rolle kleiner Formen völlig neu. Die Schmuckschatulle war nun nicht mehr nur ein luxuriöses Accessoire, sondern wurde zum Träger von Ideen und zum Experimentierfeld für neue künstlerische Konzepte.
Die suprematistischen Schatullen von Kasimir Malewitsch und Ilja Tschaschnik stehen für den Triumph der Geometrie. In diesen Werken wurde die praktische Funktion zugunsten der architektonischen Idee zurückgestellt. Sergej Tschechonin hingegen nutzte die Oberflächen der Schatullen für komplexe grafische Kompositionen und verband revolutionäre Symbole mit der eleganten Ästhetik der Künstlergruppe „Welt der Kunst“.
Heute: Zwischen Tradition und künstlerischem Ausdruck
Auch heute fertigt die Kaiserliche Porzellanmanufaktur Schmuckschatullen auf Grundlage ihres reichen Archivs historischer Formen. Die zeitgenössische Kollektion folgt im Wesentlichen drei Richtungen:
- Historische Repliken. Reproduktionen von Tabakdosen des 18. Jahrhunderts ermöglichen Liebhabern, den Charme des Porzellans aus der Zeit Winogradows neu zu entdecken.
- Klassische Malerei. Die Schatullen werden mit Anna Jatzkewitschs legendärem „Kobaltnetz“ oder floralen Dekoren wie dem „St. Petersburger Bouquet“ verziert. Künstlerporzellan.
- Künstlerporzellan. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler wie Tatjana Afanasjewa betrachten die Schatulle als kleine skulpturale Form und verwenden häufig Unterglasurmalerei sowie aufwendige Texturen, um ihre Werke besonders ausdrucksstark zu gestalten.
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